Review: Black Swan

Wenn ein Film im Vorfeld schon gehyped und von den Kritikern in ungeahnte Höhen gelobt wird, dann ist für den normalen Kinogänger auch immer ein bisschen Vorsicht angesagt. Die Gefahr enttäuscht zu werden ist ungleich höher und erhöht sich noch, wenn der Film einen schweren und nicht wirklich massenkompatiblen Stoff behandelt. So ist Darren Aronofskys Black Swan ein Film über das Ballett. Über eine Welt, für die ich mich bisher nicht im Geringsten interessiert habe. Trotzdem machten der Trailer und der Hype mich neugierig, weswegen es mit der Heldin in den Cinedom zu Köln (dessen Paarsitze ich übrigens wegen der fehlenden Armlehne großartig finde) ging.

Die Junge Nina Sayers (Natalie Portman) ist Tänzerin in einem New Yorker Ballettensemble, das zu Beginn der neuen Saison eine neue Primaballerina sucht, nachdem Beth Macintyre (Winona Ryder), die dies bis dato war, etwas in die Jahre gekommen ist. Der Regisseur Thomas Leroy (Vincent Cassel) will die Saison mit einer Neuinszenierung von Schwanensee eröffnen und will die Hauptrollen des weißen und schwarzen Schwans mit ein und derselben Tänzerin besetzen. (Ich muss zugeben, dass ich nicht weiß, wie das sonst gehandhabt wird. Aufklärende Kommentare sind also erlaubt und erwünscht.) Er hält Nina für den perfekten weißen Schwan, zweifelt aber daran, dass sie den schwarzen Schwan meistern kann. Unterstützt von ihrer Mutter (Barbara Hershey), einer selbst gescheiterten Ballerina, setzt Nina alles daran, die Rolle zu bekommen und so beginnt ein psychologisches Verwirrspiel um Realität und persönliche Wahrnehmung.

Ich muss, zu meiner Schande, gestehen, dass ich bisher noch nichts von Darren Aronofsky gesehen habe. Nicht einmal Requiem for a Dream oder The Wrestler, was ich aber nach Black Swan dringlichst nachholen werde. Ich habe diesen Film zu jedem Zeitpunkt genossen, obwohl er nichts für Zartbesaitete ist, zu denen ich mich durchaus zähle. Ich tue mich schwer mit Horror- bzw. Psychofilmen und ich weiß auch, dass mir dadurch wahrscheinlich einige Filmperlen bisher durch die Lappen gegangen sind. Black Swan ist nichts für den Kinobesucher, der nach leichter Unterhaltung sucht. Er kommt düster daher, in einer Welt, in der nur der Erfolg zählt. Es ist eine Geschichte um Leistungsdruck, um ein Metier, in dem man gescheitert ist, wenn man es nicht mit spätestens 25 zu etwas gebracht hat. Es liegt keine Leichtigkeit darin. Das Leben von Nina Sayers ist komplett durchorganisiert und von strenger Disziplin geprägt. Aronofsky versteht es mit wenig Einsatz eine Spannung zu erzeugen, die den Betrachter in ihren Bann zieht. Was ist Realität? Was entspringt nur unserer Wahrnehmung? Getragen wird das ganze von einem grandiosen Ensemble. Natalie Portman spielt hier die Rolle ihres Lebens und es ist wohl – das wage ich vorherzusagen – mehr als sicher, dass der Oscar für die beste weibliche Hauptrolle an sie gehen wird. Ich kann nicht eine schwach besetze Rolle finden. Mila Kunis überzeugt in ihrer Rolle als Ninas schärfste Konkurrentin ebenso wie Barbara Hershey als kontrollierende, strenge Mutter. Und dann ist da noch Vincent Cassel. Herrlich anzuschauen wie er den Regisseur Thomas Leroy spielt. Besessen von seiner Arbeit und obszessiv auf den Erfolg und den künstlerischen Anspruch seiner Produktion fixiert, treibt er Nina an ihre Grenzen. Cassel entwickelt Leidenschaft für die Rolle und es ist nach Portman vor allem sein Verdienst, dass dieses Verwirrspiel das Publikum in seinen Bann zieht. Der Zuschauer wird von der Dunkelheit gefangengenommen, die sich sowohl auf der Leinwand wie im Inneren der Charaktere ausbreitet. Selten habe ich die Finsternis und die seelischen Abgründe in einem Menschen so schön fotografiert gesehen wie in Black Swan. Wir werden entführt in eine Welt, in der nichts so ist wie es scheint. (Wann ich wohl wieder gefahrlos in einen Spiegel blicken kann?) In der Obsession und Leidenschaft in selbstzerstörerischem Verhalten enden. Stellenweise habe ich den Blick abgewendet, weil ich bemerkte, dass ich abgetrennte Köpfe in einem Film besser ertrage als blutende Fingerkuppen und eingerissene Zehennägel. Und trotzdem ist es gerade das, was den Film ausmacht, eine blendende Darstellung des Fiesen, des menschlichen Abgrundes, die einen nachdenklich und betrübt das Kino verlassen lässt.

Fazit: Black Swan ist großartig und gehört mit Sicherheit zu jenen Filmen, die man in seinem Leben gesehen haben muss. Darsteller und Regisseur machen eine hervorragende Arbeit. Die Bilder fesseln, der Ton trägt dazu bei, dass der Zuschauer in den Bann gezogen wird. Eine verstörende Studie über Leistung und Obsession in einer Welt, die sich zum Sklaven des Leistungsdrucks gemacht hat und somit mehr als deutlich die Parallele zu unserer Welt zieht. Meisterwerk? Mit Sicherheit!

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8 Antworten to “Review: Black Swan”

  1. C0rey Says:

    Sehr gutes Review, wird ein Grund sein, warum ich ihn mir auf Dvd sicherlich anschauen werde, oder meinst du er ist bildgewaltig genug, dass man ihn auf der Leinwand sehen muss?

  2. Eay Says:

    Kino, definitiv. Aber nicht wegen den (genialen) Bildern, sondern wegen der Tonspur: fantastische Musik, grandiose Soundeffekte (die mich irgendwie an die Alien-/Predator-Filme erinnert haben).

    Sehr gutes Review, hat C0rey recht. Du spoilerst ja auch diesmal nicht das Ende, vielleicht hörst du also auf mich. 😉 Für den Fall, dass du tatsächlich auf mich hörst, hier der Klugscheißer: es muss Figuren statt Charaktere heißen. Filmwissenschaftliches 1×1 (…aber hab ich auch erst im dritten Semester oder so gelernt). 😉

    So, und weil ich doch noch ein bisschen was anders sehe, muss ich wohl auch nochmal ran… 🙂

    • konjunktivleben Says:

      Natürlich hör ich (manchmal) auf dich… Skyline hab ich nur gespoilert, weil es da nicht so viel zu spoilern gab. Als Überraschung taugte das Ende jedenfalls nicht. Soll ich das mit dem Sound ernst nehmen? Meinst du die Alien-Filme / Predator-Filme oder die Alien vs. Predator-Filme? Ich weiß doch, dass du die beschissen findest. 😀

      • Eay Says:

        Nee, das mit dem Sound war schon ernst gemeint. Und natürlich mein ich nicht, die vs.-Filme, sondern die eigentlichen Serien, die ich eigentlich sogar ganz gut finde…

      • konjunktivleben Says:

        Ich meinte ja die vs. Filme, die du beschissen findest. 😉

  3. C0rey Says:

    Wo wir beim Thema spoilern sind, ich war für den neuen Artikel zu dumm per Html ne Spoiler Box einzubauen, entsprechend der Blöde Header. Falls eay oder du da fitter sind ich bin für Tipps immer dankbar 😉

    mfg

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